Lehrfahrt Murrhard - September  2010

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Zur Abfahrt um 7 Uhr früh trafen sich 38 Mitglieder am Verwaltungsgebäude. Über den  Dächern von Altenburg geht golden die Sonne auf und verspricht uns einen schönen Tag. Walter begrüßt uns und wünscht allen einen schönen Tag. Über dem Neckartal steigen herbstliche Nebelschwaden hoch. Wir fahren auf der B 27 in Richtung Stuttgart und weiter zum Leonberger Kreuz. Bei Ludwigsburg und vorbei am Hohen Asberg, ringt die Sonne mit dem dichten Nebel. Der Murrhardter Wald trägt noch die morgendlichen Nebelschleier. Viel zu früh erreichen wir unser erstes Ziel. Wir sind im „Carl-Schweizer-Museum“ erst um 9.30 Uhr angemeldet. Es ist sehr frisch heute morgen. Deshalb dürfen wir eine halbe Stunde früher als vorgesehen das Museum betreten. Nachdem die meisten von uns die “Keramikschau“ (WC) besucht haben, lädt uns Herr Christian Schweizer zu einem Rundgang in den heiligen Hallen ein. Die zoologische Abteilung des Museums ist der Kern der Sammlungen. 1899 begann der Großvater Carl Schweizer, der Präparator war, Tiere und Vögel zu sammeln. Bereits damals wurden seltene Exemplare aus Vogelschutzwarten und Wildparks erworben. Keines der Exponate wurde für das Museum erlegt - meist sind es "Umweltopfer", die im Laufe von 100 Jahren zusammengetragen wurden. 1931 wurde das Museum gegründet, Carl und Egon Schweizer führten das Haus bis 1943, ein Teil der Sammlung ging leider durch Kriegswirren verloren. 1949 wagte Egon Schweizer mit seinem Sohn Dr. Rolf Schweizer, meinem Vater, den Neubeginn. Durch die lebensnahe Präparation und Darstellung in Großdioramen wird uns ein "positives Naturerlebnis" geboten, das nichts mit einer angestaubten Trophäensammlung zu tun hat, sondern einen besonderen Blick für die Schönheiten unserer heimatlichen Fauna eröffnet. Der Rundgang beginnt mit der faszinierenden Vogelwelt der Meeresküsten. Die Vogelfelsen der Inseln Helgoland und Rügen sowie das Watt sind das Vorbild zu diesem Großdiorama. Zahlreiche Seevögel, Baßtölpel und Papageientaucher sind zu sehen sowie Krebse oder auch der beliebte Seehund. Möwen, Komorane und der majestätische Seeadler, sind die Vertreter dieses Großbiotops. Weiter führt uns die Ausstellung zu den Flusslandschaften Mitteldeutschlands. An Elbe, Rhein und Donau leben die seltenen Störche, die Großtrappen in der Altmark sowie zahlreiche Wildentenarten vom Bodensee. Der letzte Storch ist im oberen Murrtal 1927 ausgestorben. Der beliebte Eisvogel ist am hiesigen Fluss Murr ebenso zu betrachten wie die ausgestellten Amphibien und Reptilien. Fischreiher, Nachtreiher und weitere Wasservögel ergänzen die Szene.

Der letzte Fischotter ist 1911 bei Murrhardt verschwunden. Die Waldlandschaften der Mittelgebirge sind Lebensraum für Hirsche, Luchse, Wildkatzen und viele bedrohte Greifvogelarten. Hier kann man  auch die Mehrzahl der im Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald beheimateten Fauna entdecken. Rothirsche sind noch im Schönbuch heimisch. Das Hochgebirge bildet einen extremen, aber auch stillen Lebensraum für bedrohte Tier- und Vogelarten. Gemsen, Auerwild und Murmeltiere sind bekannte Vertreter. Beeindruckend sind neben den Steinadlern und Geiern vor allem das Auerwild und Birkwild. Ein besonderes Exponat ist der Waldrapp.  Der Tierwelt Nordeuropas ist ein weiteres Diorama gewidmet. Eine dramatische Jagdszene zwischen Rentier und Wolf kann mitverfolgt werden. Schneeeulen, Lemminge sowie weitere Tiere und Vögel sind ebenso im Land des Nordlichts und der Mitternachtssonne beheimatet wie der berüchtigte "Vielfraß" oder Felsenmarder.

Einen Sprung über den Atlantik nach Amerika kann man als Besucher im letzten Diorama wagen. Ein großer, bulliger Bison sowie Geier, Schlangen und weitere Prärietiere bevölkern zusammen mit einem "Indianer" die bunte Szene. Im Museum wurde 1999 eine neue Abteilung für die Zeugnisse der römischen Vergangenheit eröffnet. Der Limes, die einstige Grenze des römischen Weltreichs, durchzieht wie ein roter Faden unseren schwäbisch-fränkischen Wald. In seiner Bautechnik und Größe ist er sicher ein Weltkulturdenkmal. Die einstige Grenzsiedlung "vicus murrensis" – Murrhardt (Murr der Fluss, Hardt der Wald), ein Dorf mit Kastellen, Tempelanlagen und Gutshöfen - hat interessante Spuren hinterlassen, die in der kürzlich neueröffneten Abteilung zusammengetragen wurden. Zahlreiche Denkmäler, Inschriftensteine und Altäre sowie Kleinfunde, besonders aber die Rekonstruktion eines Jupiterdenkmals, geben einen Einblick in das Leben unserer Vorfahren. Die klostergeschichtliche Abteilung (Lapidarium) und stadtgeschichtliche Sammlung zeigt umfassend Zeugnisse vom 6. Jh. bis ins 19. Jh. Nach dieser überaus heiteren Führung durch die sehenswerte Ausstellung geht es nach draußen. Jetzt übernimmt der Senior, Dr. Rolf Schweizer die weitere Stadtführung. Er freue sich sehr, wieder mal Kirchentellinsfurter Bürger begrüßen zu dürfen.  Er kennt Kirchentellinsfurt sehr gut, denn er hat während seiner Studienzeit an der Tübinger Uni in Kirchentellinsfurt im Haus von Otto Berner gewohnt. Vor dem Flügelaltar an der Außenmauer der Klosterkirche erzählt Dr. Schweizer, wie der Meister die Leidensgeschichte Jesus am Ölberg gesehen hat. Dieses Werk wurde von ca. 500 Jahren geschnitzt. Danach gehen wir die Stufen wieder hinunter und nach wenigen Metern erreichen wir die Evangelische Kirche. Dr. Schweizer öffnete sie für uns und erzählt über die Bedeutung der Kirche. Die Stadtkirche (ehemalige Klosterkirche) geht auf das 9. Jh. zurück und ist bau- und kunstgeschichtlich von großem Interesse. Mit Friedrich Christoph Oetinger erfuhr das Klosteramt einen Höhepunkt in geistlicher Hinsicht. Dr. Schweizer gibt noch einige Anekdoten auf seine eigene Weise von sich. Danach gehen wir vorbei an dem Portal der Walterichskapelle bis zum Marktplatz. „Muckefuck“ - das klingt eigentlich nach Entbehrung. Für die schwäbische Familie Franck war die Geschichte des Ersatzkaffees dagegen eine Erfolgsgeschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte die Firma die bis heute bekannte Marke "Caro Landkaffee".

Die umliegenden Gaststätten heißen „Ochsen“,  „Löwen“, „Adler“ und „Engel“. Diese Bedeutungen stammen von den vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, die seit dem 4. Jh. durch vier geflügelte Symbole dargestellt werden: Der Mensch (als Engel) versinnbildlicht Matthäus, der Löwe Markus, der Stier (Ochse) Lukas und der Adler Johannes. Jede Herberge war im Mittelalter unter dem Schutz eines Engels gestanden, so wie der Stall von Bethlehem unter einen Stern gestanden hat.

„Das war noch Kultur, als man entweder in den „Engel“ oder „Adler“ oder in den „Ochsen“ ging, um ein Viertele zu trinken. Als die Eisenbahn kam, hat man die Lokomotive gebraucht, die Bauern brauchten den Pflug und von Richard Wagner Seite her gab es das „Waldhorn“ oder den „Schwanen“. Als die Amerikaner ins Land kamen, hießen die Wirtschaften „Salon“ und als sich die Türken breit machten, hieß der „Döner“ nur noch „Kebab“. „Vorbei  war es mit der Frömmigkeit der Bürger“, erzählt Dr. Schweizer. Allgemeines Gelächter macht sich nun breit. Vor dem Marktbrunnen erklärt Dr. Schweizer das Wappens von Herzog Christoph von Württemberg. Ein Mönch sollte herauszufinden, wie man sich die Zeichen besser merken konnte: Die Rauten sehen aus wie ein Gitter, das Hirschgeweih wie eine Gabel und der Adler mit einem Fisch. Daraus wurde dann der Auszählreim: „Gitterle, Gäbele, Vögele, Fisch, und Berta du bisch“ .

Das konnte sich jedes Kind merken. Wir bedanken uns bei Herrn Schweizer für die lustige Führung und gehen in den Gasthof Engel, wo unsere Mittagessen vorbestellt ist. Der Gasthof, ein altehrwürdiger Fachwerkbau und Geburtshaus des Malers Reinhold Nägele, ist seit 1553 im Familienbesitz. Um 13.25 Uhr laufen wir zurück zum Bus und fahren weiter. Über Spiegelberg und Neulautern hat sich der Nebel aufgelöst. Die Fahrt durch die Löwensteiner Berge entlang der Württembergischen Weinstraße ist wunderschön.  Die Hänge haben bereits herbstliche Farben angenommen. Kurze Zeit später erreichen wir das Obstversuchsgut Heuchlingen. Das Obstversuchsgut der LVWO Weinsberg liegt auf einer Hochfläche zwischen Kocher- und Jagsttal. Im Herbst 1953 erstmals mit Obstbäumen bepflanzt. Auf den 34 Hektar arrondierter Fläche werden Kernobst, Beerenobst, Steinobst und Schalenobst angebaut.  Die Anbaufläche gliedert sich derzeit auf in Äpfel, Birnen, Beerenobst (Himbeeren, Johannisbeeren, Erdbeeren, Stachelbeeren, Brombeeren, Heidelbeeren), Zwetschgen, Pfirsiche und Aprikosen, Süß- und Sauerkirschen und Wal- und Haselnuss. Neben der Bewirtschaftung gemäß den Richtlinien des Integrierten Anbaus findet auf 2 ha auch eine ökologische Erzeugung von Obst statt. Die Böden des Versuchsgutes liegen zwar im Keuperbergland, sind aber von einer bis zu 12 m mächtigen Lössschicht überdeckt.

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Bei den verschiedenen Obstarten werden die unterschiedlichsten Versuche und Prüfungen durchgeführt. Unsere Experten hören aufmerksam zu und können vielleicht sogar noch etwas lernen. Um 16.00 Uhr geht es weiter in Richtung Bad Friedrichshall. Bei Neckarsulm fahren wir ein kurzes Stück auf der A 81 bis Abstatt. In dem rustikalem Blockhaus mit Weinstube werden wir das Abendessen einnehmen. Aber alles Schöne geht leider viel zu schnell vorbei und so machen wir uns bald wieder auf den Heimweg.

Die Dämmerung neigt sich zu Boden und die Dunkelheit nimmt Besitz. Im Bus ist eine fröhliche Stimmung, die durch die Witze von Walter noch steigerungsfähig ist. Dietmar gibt bekannt: „Das Rauchen ist im Bus verboten – das Singen aber nicht“. Es war wieder eine wunderschöne und erlebnisreiche Fahrt. Walter bedankt sich bei Dietmar für die gute Fahrt. „Sind wir einmal nicht mehr jung, bleibt uns die Erinnerung“.

Ingeborg Schauer